Zi-Studie: Verordnungsrate von Antibiotika in Arztpraxen nimmt seit 2010 konsequent ab

Starker Einbruch bei Antibiotika-Verordnungen in Corona-Jahren 2020 und 2021, danach Annäherung an präpandemisches Niveau // „Praxen in Deutschland verordnen auch im europäischen Vergleich überaus moderat“

Vertragsärztinnen und -ärzte verordnen in Deutschland immer weniger Antibiotika. Seit 2010 ist die altersübergreifende Verordnungsrate kontinuierlich abgesunken, von 559 auf 414 Verordnungen pro 1.000 gesetzlich Versicherten im Jahr 2019. Das entspricht einem Rückgang von 26 Prozent. In den beiden Corona-Jahren 2020 und 2021 brachen die Verordnungszahlen dann überdurchschnittlich stark ein (2020: 305/1.000, –26 Prozent zu 2019) und 2021 (277/1.000, –33 Prozent zu 2019). Die relative Abnahme der Verordnungsraten in den Jahren 2020 und 2021 gegenüber 2019 war in den Altersgruppen der 2- bis 5-Jährigen (2020, 343/1.000: –48 Prozent; 2021, 322/1.000: –51 Prozent) sowie der 6- bis 9-Jährigen (225/1.000: –43 Prozent; 140/1.000: −64 Prozent) am stärksten ausgeprägt. In den Jahren 2023 (418/1.000) und 2024 (426/1.000) zeigen die vertragsärztlichen Abrechnungsdaten einen Wiederanstieg der altersübergreifenden Verordnungsrate auf ein mit 2019 vergleichbares Niveau. Die Altersgruppen 2 bis 5 und 15 bis 64 sowie über 65 Jahre näherten sich dem Verordnungsniveau von 2019 an. Bei den 0- bis 1-Jährigen war die Verordnungsrate hingegen um etwa 20 Prozent reduziert. Für 6- bis 9-Jährige (2023 versus 2019: +33 Prozent; 2024: +30 Prozent) und 10- bis 14-Jährige (2023: +9 Prozent; 2024: +44 Prozent) zeigten sich hingegen deutliche Zunahmen.

Dies sind zentralen Ergebnisse einer Studie des Zentralinstituts für die kassenärztliche Versorgung (Zi) zu „Altersspezifische Trends der Verordnung systemischer Antibiotika in den Jahren 2010 bis 2024“, die heute im Deutschen Ärzteblattveröffentlicht worden ist. 

Nach dem kontinuierlichen Absinken der Verordnungsraten seit 2010 sowie dem abrupten pandemiebedingten Einbruch – wohl auch aufgrund einer deutlich reduzierten Zirkulation anderer respiratorischer Erreger – war das ambulante Verordnungsniveau 2024 gegenüber 2019 marginal erhöht (+3 Prozent). Höhere Verordnungsraten in den Jahren 2023 und 2024 betrafen jedoch ausschließlich die Altersgruppe der 6- bis 14-Jährigen. Angesichts des kontinuierlichen Rückgangs des Antibiotikaeinsatzes in diesem Alterssegment zwischen 2010 und 2019 dürfte der vorübergehende Anstieg Ausdruck eines temporär veränderten altersspezifischen Erkrankungsgeschehens sein. So waren insbesondere die Wintermonate der Jahre 2022/2023 und 2023/2024 nach Informationen des Robert Koch-Instituts (RKI) geprägt von einer unüblich starken Zunahme des Infektionsgeschehens. Das umfasst unter anderem die ausgeprägte Infektionszunahme durch Gruppe-A-Streptokokken mit teils schweren Verläufen bei Kindern in den Winterzeiten 2022/2023 und 2023/2024, eine in diesem Ausmaß erstmalig beobachtete Häufung von Mykoplasmen-Infektionen bei Schulkindern und Jugendlichen in den Jahren 2023 und 2024 sowie ein starker Anstieg von Keuchhustenfällen im Jahr 2024 bei 0- bis 19-Jährigen.

„Die medikamentöse Therapie mit Antibiotika ist bei schweren bakteriellen Infektionen unverzichtbar. Ihre Wirksamkeit wird jedoch durch die Ausbreitung von Resistenzen gefährdet. Nicht indizierte Antibiotikatherapien können das Risiko der Entwicklung resistenter Erreger erhöhen. Unsere aktuellen Datenauswertungen zeigen aber einmal sehr deutlich: Der Großteil der Vertragsärztinnen und -ärzte in Deutschland setzt Antibiotika überaus zurückhaltend und nach entsprechender sorgfältiger Risikoabwägung ein. Positiv hervorzuheben ist auch die stark rückläufige Verordnungsrate von Fluorchinolonen, nicht zuletzt aufgrund von Warnungen vor schwerwiegenden gesundheitlichen Nebenwirkungen“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried.

Der Zi-Vorstandsvorsitzende verwies darauf, dass Deutschland mit dem starken Rückgang des Antibiotikaeinsatzes in den Jahren 2020 und 2021, aber auch mit dem Wiederanstieg in den Folgejahren nach der COVID-19-Pandemie dem europäischen Trend folge. Dabei zeige der internationale Vergleich auch im Wiederanstieg einen eher geringen Antibiotikaeinsatz in Deutschland. So wurden nach Angaben des „European Centre for Disease Prevention and Control (ECDC)“ etwa im Jahr 2023 in 23 europäischen Ländern höhere und lediglich in vier Ländern geringere Verordnungsmengen von Antibiotika in der ambulanten Versorgung beobachtet.

Die Zi-Untersuchung fußt auf den ambulanten Arzneiverordnungsdaten aller gesetzlichen Krankenkassen. Die jährliche Verordnungsrate systemischer Antibiotika ist als Anzahl abgegebener Antibiotika pro 1.000 Versicherte insgesamt und je Altersgruppe berechnet worden.


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Daniel Wosnitzka

Leiter Stabsstelle Kommunikation / Pressesprecher