Die gesundheitspolitische Diskussion um vermeintliche Lücken in der wohnortnahen Gesundheitsversorgung gewinnt in dem von der Bundesregierung ausgerufenen Reformfrühling immer weiter an Fahrt. Dabei rückt die Politik die Rolle der Apotheken stärker in den Fokus – etwa mit Blick auf zusätzliche Angebote wie Impfungen oder einfache Gesundheitschecks, die bei der Primärversorgung helfen sollen. Insbesondere das aktuell im Deutschen Bundestag beratene Apothekenversorgung-Weiterentwicklungsgesetz (ApoVWG), durch das Apotheken erweiterte Befugnisse bei der Arzneimittelabgabe ohne neues Rezept, bei zusätzlichen Schutzimpfungen und der Beratung zur Prävention von Krankheiten übertragen werden sollen, hat in der Ärzteschaft für einige Irritationen gesorgt. Abgesehen davon, dass die geplanten Maßnahmen eindeutig jenseits der Qualifikation der Apothekerschaft lägen und damit negative Folgen für die sichere Patientenversorgung nicht ausgeschlossen seien, werde aus der Politik immer wieder nahegelegt, ein möglichst kurzer Weg zur Apotheke sichere die medizinische Grundversorgung ab, so die vorherrschende Kritik aus der Ärzteschaft.
Vor diesem Hintergrund hat das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) im Rahmen einer aktuellen Sonderauswertung öffentlich verfügbare Versorgungs- und Raumdaten ausgewertet, mit denen die Angebotsdichte von Hausarztpraxen und Apotheken verglichen werden kann. Das Ergebnis: Die Zahl der Hausärztinnen und Hausärzte, die in Deutschland an der vertragsärztlichen Versorgung teilnehmen, ist mit 55.882 mehr als dreimal so hoch wie die Zahl der Apotheken (17.041). Die mittlere Entfernung bis zur nächsten Apotheke liegt über alle Kreise hinweg bei gut 1,6 Kilometern, zur nächsten Hausarztpraxis hingegen bei lediglich 1,1 Kilometern. In Autominuten berechnet liegt der Unterschied über alle Gemeinden hinweg bei 6,5 Minuten bis zur dichtesten Apotheke gegenüber 5 Minuten bis zur nächstgelegenen Hausarztpraxis. Kurzum: Der nächstgelegene Hausarztsitz ist im Mittel deutlich schneller zu erreichen als die nächstgelegene Apotheke – und zwar unabhängig davon, ob die Entfernung in Metern oder in Autominuten berechnet wird.
„Hausärztinnen und Hausärzte sind weit mehr als eine ‚erste Anlaufstelle‘. Sie sind Diagnostiker, Koordinatoren und Lotsen durch ein immer komplexer werdendes Gesundheitssystem. Sie kennen ihre Patientinnen und Patienten oft über Jahre, nicht selten über Jahrzehnte. Sie diagnostizieren, koordinieren Behandlungen und behalten auch komplexe Krankheitsverläufe im Blick. Sie müssen erkennen, ob ein Symptom harmlos ist oder vielleicht lebensbedrohlich, ob abgewartet oder sofort gehandelt werden muss. Diese Form der kontinuierlichen, verantwortungsvollen Medizin ist durch nichts zu ersetzen“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried.
„Apotheken sind ein unverzichtbarer Partner der Arztpraxen in der Arzneimittelversorgung. Ihre Rolle liegt dabei in der qualitätsgesicherten Abgabe und Beratung zu Medikamenten. Unsere aktuelle Datenauswertung zeigt deutlich, dass die Hausärztinnen und Hausärzte in Deutschland die wohnortnahe medizinische Versorgung effizient abdecken können und es einer Ausdehnung des pharmazeutischen Leistungsangebots dafür nicht bedarf. Eine erneute Verbreiterung des Spektrums möglicher erster Anlaufpunkte in der medizinischen Versorgung widerspräche der im Koalitionsvertrag verankerten Zielsetzung, die Koordination der Versorgung in ärztlicher Gesamtverantwortung zu stärken. Zum jetzigen Zeitpunkt sollte daher eher darüber nachgedacht werden, wie das Potenzial der fast 56.000 Hausärztinnen und Hausärzte noch besser in der Primärversorgung genutzt werden kann, um Parallelstrukturen, Doppeluntersuchungen und eine Fragmentierung von Versorgungsprozessen zu reduzieren,“ so der Zi-Vorstandsvorsitzende abschließend.
Bildunterschrift und Grafik (öffnet in neuem Tab)
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi):
Mittlere Entfernung zur nächstgelegenen Hausarztpraxis und Apotheke in Metern (nach Kreisen) bzw. in Autominuten (nach Gemeinden); Anteile in Prozent
Datenbasis:
> INKAR-Daten des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung 2023 (Meter gerundet in 500er Schritten)
> Deutschlandatlas-Daten des Statistischen Bundesamtes 2021 für Hausarztpraxen und 2020 für Apotheken (Autominuten gerundet auf ganze Zahlen)
Grafik des Monats
März 2026
Hausarztpraxen meist deutlich schneller erreichbar als Apotheken // Mittlere Entfernung zur nächsten Apotheke über 1,6 km, zur nächsten Hausarztpraxis lediglich 1,1 km // „Es sind nach wie vor die Hausarztpraxen, die mit ihrem dichten Netz die medizinische Grundversorgung sichern“

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Daniel Wosnitzka
Leiter Stabsstelle Kommunikation / Pressesprecher