Der bundesweite Patientenservice 116117 der Kassenärztlichen Vereinigungen steht Hilfsbedürftigen mit gesundheitlichen Anliegen seit 2012 telefonisch zur Verfügung – 24 Stunden am Tag, 7 Tage die Woche. Seit Dezember 2021 ergänzt ein digitales Angebot den telefonischen Dienst: das Patienten-Navi (www.116117.de). Zur medizinischen Ersteinschätzung nutzt der Patientenservice die Software SmED (Strukturierte medizinische Ersteinschätzung in Deutschland), ein Medizinprodukt der Risikoklasse 2b nach der EU-Medizinprodukteverordnung.
Von Januar bis Juni 2026 sind telefonisch rund 1,4 Millionen und über das Patienten‑Navi gut 440.000 SmED‑Assessments dokumentiert worden. Damit machen Anfragen zu akuten gesundheitlichen Beschwerden zwar nur einen kleinen Teil der im selben Zeitraum rund 5,8 Millionen bei der 116117 eingegangenen Anrufe aus. Dennoch lassen sich daraus tagesaktuell Entwicklungen im Beschwerdebild der Bevölkerung ableiten. So zeigte sich während der Hitzeperiode Ende Juni ein deutlicher Anstieg von täglichen Anfragen aufgrund von Sonnenbrand bzw. Sonnenstich/Hitzschlag: Ihr Anteil erhöhte sich von etwa 0,1 Prozent Anfang Juni auf einen bisherigen Höchstwert von 2,63 Prozent (411 Assessments) am 28. Juni 2026. Von den 1.159 Personen, die an den Hitzetagen 25.–28. Juni 2026 bei der 116117 wegen dieser Hauptbeschwerden Hilfe suchten und mit SmED ersteingeschätzt wurden, waren 491 im Alter von 0 bis 13 Jahren (42,4 Prozent) und 511 in der Altersklasse 14–49 Jahre (44,1 Prozent). 760 Personen (65,6 Prozent) benötigten nach der SmED-Ersteinschätzung eine schnellstmögliche medizinische Versorgung. Betrachtet man den erweiterten Zeitraum seit 2022, weist das Jahr 2026 im Mai und Juni den bisher höchsten Anteil an Anfragen wegen Sonnenbrand bzw. Sonnenstich/Hitzschlag auf. Das verdeutlicht die außergewöhnliche Hitzeperiode: 2.316 von 307.116 Assessments im Juni 2026 (0,75 Prozent) wurden zu diesen Hitzebeschwerden dokumentiert, während es im Juni 2025 noch 1.270 von 284.804 Assessments waren (0,45 Prozent).
Das sind die zentralen Ergebnisse einer aktuellen Auswertung von SmED-Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen im Zeitraum 15. Juni bis 9. Juli 2026, die das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) heute veröffentlicht hat.
„Mit der bundesweiten Einführung von SmED existiert erstmalig eine nationale Datenbasis zu den gesundheitlichen Beschwerden, Symptomen und Risikofaktoren, mit denen sich Hilfesuchende an den Patientenservice 116117 wenden. Mit Unterstützung der Software erfolgt eine Abschätzung der Behandlungsdringlichkeit und der angemessenen Versorgungseinrichtung. Da die pseudonymisierte Datenübermittlung an das Zi täglich erfolgt, bieten die Assessment-Daten die Chance, nahezu in Echtzeit Einblick in die Nutzung der Rufnummer 116117 und damit in einen maßgeblichen und wachsenden Teil der ambulanten Akut- und Notfallversorgung zu erhalten“, sagte der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Dominik von Stillfried. Er wies darauf hin, dass die Funktion einer einheitlichen digitalen Ersteinschätzung auch durch die erst vor wenigen Tagen im Bundeskabinett verabschiedeten Regelungen zum digitalen Versorgungseinstieg gestärkt werden sollte. Mit dem Gesetz für Daten und digitale Innovationen im Gesundheitswesen (GeDIG) ist vorgesehen, dass auch der umstrittene digitale Einstieg in die medizinische Versorgung über die Apps der Krankenkassen als Voraussetzung für eine Terminbuchung im Akutfall künftig einheitlich das gleiche Ersteischätzungsverfahren nutzen soll. Hierdurch würde eine Vereinheitlichung mit dem Angebot der 116117 vorgenommen.
„Ein allein über Kostenträger organisierter digitaler Zugang würde bewährte Versorgungsstrukturen dann schwächen, wenn hierdurch die primäre Kontaktaufnahme mit der jeweils behandelnden Praxis erschwert oder übergangen würde. Insbesondere mit Blick auf das von der Bundesregierung geplante Primärarztsystem sollte ein digitaler Erstkontakt, wo immer möglich, zunächst über die Praxis erfolgen, die der Versicherte als Primärpraxis gewählt hat. Dort ist der Hilfesuchende als Patient bekannt. Dies bietet große Vorteile für das weitere Vorgehen und eine gezielte Behandlung. Dabei darf die Ersteinschätzung nicht als Hürde, sondern als ergänzende Möglichkeit gesehen werden. Die Nutzung der 116117 ist immer dann sinnvoll, wenn die behandelnde Praxis im Akutfall gerade nicht erreichbar ist oder keine Bezugspraxis existiert. Daher wird die Stärkung der 116117 auch im Koalitionsvertrag der Bundesregierung ausdrücklich als elementarer Teil der Maßnahmen genannt, mit denen die Bundesregierung auf eine gezieltere und effizientere Inanspruchnahme der medizinischen Versorgungsstrukturen hinwirken möchte. Wichtig dafür ist, dass die medizinische Ersteinschätzung als Voraussetzung für den beschleunigten Zugang zur Versorgung im Akutfall nach einheitlichen medizinischen und technischen Standards weiter ausgestaltet wird. So wäre sichergestellt, dass alle Versicherten unabhängig von ihrer Mitgliedschaft in einer bestimmten Krankenkasse entsprechend ihres medizinischen Versorgungsbedarfs gleichberechtigt Zugang zur vertragsärztlichen Versorgung erhalten können”, so von Stillfried weiter.
Über das Patienten-Navi können sich Ratsuchende durch einen Chatbot eigenständig auf Basis von SmED ersteinschätzen lassen. Berücksichtigt werden dabei unter anderem Alter, Geschlecht, mögliche Notfallhinweise, akute und chronische Beschwerden sowie individuelle Risikofaktoren. Auf dieser Grundlage wird eine Empfehlung ausgesprochen, wie dringend eine ärztliche Abklärung erforderlich ist und an welche Anlaufstelle man sich wenden sollte (z. B. Notruf 112, Notaufnahme oder Arztpraxis). Eine Diagnosestellung erfolgt dabei nicht. Je nach Ergebnis der Einschätzung sowie abhängig von Region, Wochentag und Uhrzeit kann zusätzlich – telefonisch in allen und online aktuell in 14 Kassenärztlichen Vereinigungen – über ein entsprechendes Buchungsportal direkt ein Arzttermin vereinbart werden.
Bildunterschrift:
Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi):
Prozentualer Anteil von SmED-Assessments mit den Hauptbeschwerden Sonnenbrand und Sonnenstich/Hitzschlag im Zeitraum 15. Juni bis 9. Juli 2026 (per Telefon und online über die Angebote der 116117)
Datenbasis:
SmED-Daten der Kassenärztlichen Vereinigungen (15. Juni – 9. Juli 2026)
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