Was kann Primärversorgung leisten? Zi nimmt einen Faktencheck anhand von Daten und Studien vor

Mehr als zwei Drittel der hausärztlich versorgten Patienten werden im Jahresverlauf auch fachärztlich behandelt // Enge Zusammenarbeit von Haus- und Fachärzten entscheidend für bedarfsgerechte Versorgung

Das Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) empfiehlt, bei der Ausgestaltung des im Koalitionsvertrag vorgesehenen Primärarztsystems in Deutschland stets die Daten- und Studienlage im Blick zu behalten. Das Primärarztsystem solle zu einer besseren Patientensteuerung beitragen. Dabei müsse es das Ziel sein, dass Patientinnen und Patienten zum richtigen Zeitpunkt die medizinisch notwendige Versorgung erhalten. Von diesem Ziel könnten politisch vorgegebene Quoten für den Anteil der Patientinnen und Patienten, die ausschließlich hausärztlich behandelt werden sollen, ablenken. 

Hintergrund ist eine Forderung der CSU in ihrem Leitantrag „Näher am Menschen – Für ein bürgernahes und bodenständiges Bayern“, wonach die hausärztliche Versorgung so gestärkt werden soll, „dass künftig rund 80 Prozent der Fälle beim Hausarzt fallabschließend behandelt werden können, ohne dass Patienten unnötig durch das System geschickt werden“.

Aktuelle Datenauswertungen des Zi zeigen, dass eine solche Zielvorgabe durch die Politik erheblich in haus- und fachärztliche Versorgung eingreifen würde. Derzeit nehmen viele gesetzlich Versicherte mehr als eine Hausarztpraxis pro Jahr in Anspruch. So waren rund 30 Prozent der Versicherten bei zwei Hausarztpraxen und rund 10 Prozent bei drei und mehr Hausarztpraxen, wobei für die letzte Gruppe überproportional viele Hausarztkontakte anfallen. Für die gesetzlich Versicherten, die in einem Jahr nur eine Hausarztpraxis in Anspruch genommen haben, finden sich in den Abrechnungsdaten für rund 21 Prozent pro Quartal hausärztliche Überweisungen in die fachärztliche Versorgung im gleichen oder im folgenden Quartal. Tatsächlich wurden aber 57 Prozent dieser Patientinnen und Patienten fachärztlich mitbehandelt. Unklar bleibt, für wie viele Patienten eine hausärztliche Überweisung in den Abrechnungsdaten nicht dokumentiert wurde. Über die Dauer eines gesamten Jahres zeigt sich eine noch stärkere Bedeutung der fachärztlichen Versorgung. Für 36 Prozent der Versicherten, die regelhaft von einer Hausarztpraxis behandelt wurden, fand sich mindestens eine Überweisung in die fachärztliche Versorgung. Insgesamt nahmen 68 Prozent innerhalb eines Jahres auch fachärztliche Leistungen in Anspruch. 

„Die Daten verdeutlichen, dass die fachärztliche Mitbehandlung für einen großen Teil der kontinuierlich hausärztlich versorgten Bevölkerung zum regulären Versorgungsgeschehen gehört. Das gilt insbesondere dann, wenn man darauf schaut, welche Patientenanteile bei längerer Bindung an eine Hausarztpraxis fachärztlicher Mitbehandlung bedürfen. Die Ergebnisse unserer Datenauswertung stehen auch im Einklang mit Erkenntnissen aus der Evaluation der hausarztzentrierten Versorgung (HzV) in Baden-Württemberg. In der HzV wurden die hausärztliche Versorgung gemessen in Patientenkontakten intensiviert und der Anteil der Facharztkontakte auf Grundlage einer Überweisung deutlich erhöht. Die Gesamtzahl der fachärztlichen Kontakte wurde aber im Vergleich zur Regelversorgung nicht verringert. Wenn dann rund zwei Drittel aller Facharztkontakte in der HzV auf Überweisung erfolgen, spricht dies dafür, dass mehr als 20 Prozent der Patienten eine fachärztliche Mitbehandlung benötigten“, erklärte der Zi-Vorstandsvorsitzender Dr. Dominik von Stillfried. 

Das Beispiel der hausarztzentrierten Versorgung zeigt nach Ansicht der Zi-Forscher auch, dass in der Diskussion um eine notwendige fachärztliche Mitbehandlung oftmals Äpfel mit Birnen verglichen werden. „Wer belastbare Aussagen haben will, muss genau auf die Betrachtungsweise achten. Die Evaluation der HzV spricht von Kontakten. Abrechnungsdaten beziehen sich auf Zeiträume, wie etwa Quartale oder Kalenderjahre, die mehrere Behandlungsfälle umfassen können. Wissenschaftliche Studien zählen zudem oft Behandlungsanlässe oder Patientenanliegen. Davon kann ein Patient pro Kontakt mit dem Haus- oder Facharzt mehrere unterschiedliche haben. Manche davon sind akut und müssen schnell gelöst werden, andere sind chronisch und bedürfen regelhafter Behandlung. In einem Primärversorgungssystem, in dem es um die Aufgabenverteilung zwischen Haus- und Fachärzten bei der Patientenversorgung und die damit verbundenen Wartezeiten geht, erscheint der Blick auf ein Kalenderjahr am ehesten angemessen. Bezogen auf ein Kalenderjahr zeigen internationale Studien, dass in anderen Primärversorgungssystemen je nach Ausgestaltung mindestens ein Drittel und bis zu zwei Drittel der Patienten eine fachärztliche Mitversorgung benötigen“, ergänzte von Stillfried.

Zudem regt das Zi an, auch die Behandlungsqualität nicht außer Acht zu lassen. „Entscheidend ist nicht, möglichst viele Patientinnen und Patienten ausschließlich in der hausärztlichen Versorgung zu halten, sondern die vorhandenen Behandlungskapazitäten nach dem medizinischen Bedarf bestmöglich einzusetzen. Haus- und Fachärzte leisten beide unverzichtbare Beiträge zur medizinischen Versorgung. Besonders gut funktioniert das, wenn sie eng und vertrauensvoll zusammenarbeiten. In der Versorgungsforschung hat sich die gesicherte Erkenntnis etabliert, dass gerade bei chronisch behandlungsbedürftigen Patienten die höchsten Ausprägungen von Qualitätsindikatoren für die Patienten erreicht werden, die von Haus- und Fachärzten gemeinsam behandelt werden“, sagte von Stillfried. Aus Sicht des Zi sollte die Weiterentwicklung der primärärztlichen Versorgung daher vor allem darauf ausgerichtet sein, die Zusammenarbeit zwischen den Versorgungsebenen zu verbessern, medizinisch notwendige Behandlungen zeitnah zu ermöglichen und unnötige Versorgungsschritte zu vermeiden. 

Zi-Factsheet „Abschließende Behandlung in Hausarztpraxen“ (PNG) 

Die Medieninformation zum Download  (PDF, öffnet in eigenem Tab)

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Daniel Wosnitzka

Leiter Stabsstelle Kommunikation / Pressesprecher