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27. Oktober 2015

Mehr als 3,7 Millionen Krankenhausfälle vermeidbar – Einsparpotenzial in Milliardenhöhe

Mehr als 3,7 Millionen Krankenhausfälle könnten mit einer optimal koordinierten Versorgung bundesweit vermieden werden und die gesetzlichen Krankenkassen in Milliardenhöhe entlasten. Dies ist das Ergebnis einer Forschungsarbeit der Münchner Gesundheitsökonomin Prof. Dr. Leonie Sundmacher, die vom Zentralinstitut für die kassenärztliche Versorgung (Zi) gefördert wurde. Die Wissenschaftlerin hat erstmals für Deutschland eine Liste mit Diagnosen erstellt, für die bei guter ambulanter Behandlung Krankenhausaufnahmen weitgehend vermeidbar sind. Das beteiligte Expertenpanel schätzt demnach rund ein Fünftel der stationären Behandlungen in deutschen Krankenhäusern verzichtbar ein. Nach Prof. Sundmachers Berechnungen kosten diese vermeidbaren Krankenhausfälle jährlich etwa 7,2 Milliarden Euro.

Dazu erklärt Prof. Dr. Sundmacher, Leiterin des Fachbereichs Health Services Management an der Fakultät für Betriebswirtschaft der Ludwig-Maximilians-Universität München: „Im Zuge des demographischen Wandels kommt der ambulanten Behandlung wachsende Bedeutung bei der Versorgung von chronisch kranken und multimorbiden Patienten zu. Ein wichtiger Qualitätsindikator für die ambulante Versorgung insgesamt ist die Zahl der vermeidbaren Krankenhausfälle – sie systematisch zu erfassen, ermöglicht erst eine effektive und effiziente Versorgung. Insgesamt entsprechen sogar 5,036 Millionen (27 Prozent) aller Krankenhausfälle den so genannten ambulant-sensitiven Diagnosen und wären somit potenziell für eine ambulante Behandlung geeignet. Wir sprechen daher von ambulant-sensitiven Konditionen (ASK).“

Der Zi-Vorstandsvorsitzende Dr. Andreas Gassen, der auch der Kassenärztlichen Bundesvereinigung (KBV) vorsteht, ergänzt: „Politiker müssen die Voraussetzungen für eine gute und effiziente Versorgung schaffen. Diese lässt sich an der Zahl vermiedener Krankenhaus-aufenthalte oder, anders gesagt, am Grad der Ambulantisierung messen. Die vorliegende Studie zeigt, dass eine effektive Behandlung im ambulanten Sektor die Anzahl der Krankenhausfälle reduzieren würde. Dies würde nicht nur die Qualität unserer Versorgung erhöhen, sondern auch erhebliche Kosten einsparen.“

Zi-Geschäftsführer Dr. Dominik von Stillfried verweist auf langfristige Entwicklungen in der Medizin und die praktische Bedeutung der Forschungsarbeit von Prof. Sundmacher: „Aufgrund des medizinisch-technischen Fortschritts können immer mehr Behandlungen ambulant erfolgen. Der Deutsche ASK-Katalog ist der jüngste und daher international der umfangreichste. Er zeigt Wege auf, wie die Krankenkassen trotz Alterung der Bevölkerung langfristig entlastet werden können. Der Katalog benennt hierfür die entsprechenden Handlungsfelder.“

Erste umfassende Studie zu ambulant-sensitiven Diagnosen in Deutschland

Prof. Dr. Sundmacher hat in ihrer Studie innerhalb eines dreistufigen Konsensprozesses mit niedergelassenen Ärzten und Krankenhaus-ärzten relevante ambulant-sensitive Diagnosen bestimmt und geschätzt, wie viele Fälle innerhalb bestimmter Diagnosegruppen tatsächlich vermieden werden könnten. Hierzu diskutierte sie medizinische Behandlungen und allgemeine Maßnahmen, durch die für Patienten mit entsprechenden Diagnosen der Weg ins Krankenhaus vermieden werden kann. Es handelt sich um die erste umfassende Liste für Deutschland; die Bedeutung eines solchen Katalogs als Qualitätsmaß für die Versorgung betonte bereits der Sachverständigen-rat in einem Sondergutachten aus dem Jahr 2012.

Vorreiter auf diesem Gebiet sind die USA, wo in den Jahren nach 1990 erstmals Raten von Krankenhausfällen, die durch eine effektive ambulante Behandlung potenziell gesenkt werden können, als Qualitätsmaß für die medizinische Versorgung herangezogen und etabliert worden sind. Inzwischen haben auch Kanada, Großbritannien, Spanien, Australien und Neuseeland solche Listen erstellt. 

Zu Genauigkeit des Erhebungsprozesses erklärt Prof. Dr. Sundmacher: „Natürlich können wir Qualität nicht perfekt messen, jedoch den Schätzfehler mit einer belastbaren und akzeptierten Verfahrensweise eingrenzen. Wir verstehen die jetzt erstellte Liste als Basis, die laufend überprüft werden muss und sich ändern wird. Der Umfang der Kataloge ist dabei ein Gradmesser für die Versorgungsqualität im Land.“

Das Zi hat die von Prof. Dr. Sundmacher unabhängig durchgeführte Forschungsarbeit mit 72.000 Euro gefördert. Eine Aufschlüsselung der Krankenhausfälle auf Kreisebene sowie nach Geschlechtern finden Sie unter www.versorgungsatlas.de.

Anlagen:

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